Chrüteroskis Philosophie

Oskar Marti ist nicht allein deswegen zum weithin renommierten Chrüteroski geworden, weil er einheimisches Grünzeug auf den Teller bringt, sondern weil er mit Leib und Seele Koch ist und Wirt war. Wirten bedeutet ursprünglich, jemanden eine Gunst zu erweisen und wahrhaftig auf ihn einzugehen, und das ist eben mehr als bloss gekonnt mit Kellen und Töpfen zu hantieren - es heisst, die uralte Kunst der Gastfreundschaft zu leben und zu zelebrieren.

Chrüteroski über seine Einfälle
Mir fällt eigentlich ständig Neues ein, überall und zu jeder Tageszeit. Wenn ich mit meinem Hund Elvis spazieren gehe, wenn ich die Natur in Feld und Wald beobachte, wenn ich in alten Folianten blättere und mich inspirieren lasse, und am meisten, wenn ich mit meiner Frau "brichte" und wir Pläne schmieden und neue Aktivitäten ins Auge fassen. Darum trage ich ständig ein Notizbuch mit mir und halte darin fest, was mir gerade in den Sinn kommt. Das ist meine Ideenbank, die immer umfangreicher wird und unerschöpflich ist.

Übers Wirten
Wirten ist der schönste Beruf, den es überhaupt gibt - weil er so vielseitig ist. Stellen Sie sich vor, was Sie in einem einzigen Tag alles sind: Sie sind Metzger, Bäcker und Konditor. Sie sind Koch, Gärtner und Verkäufer. Sie sind Soziologe, Psychologe, ja auch ein wenig Mediziner. Sie sind Sozialarbeiter, Werber und Buchhalter. Kurz: Sie vereinen alle möglichen Berufe in einem Einzigen. Ich kenne nichts, das auch nur annähernd so interessant und abwechslungsreich ist wie die Arbeit des professionellen Gastgebers.

Übers Essen
Essen ist das wichtigste auf der Welt. Der Mensch braucht Essen und Trinken, Lust und Liebe; hat er diese vier Dinge, hat er alles, was er im Grunde genommen braucht. Ich habe einmal ausgerechnet, dass ein 65jähriger dreieinhalb Jahre seines Lebens am Tisch verbracht hat. Dafür sind zehneinhalb Jahre Arbeit nötig, bloss um für diesen Menschen zu kochen und ihn zu bedienen - ohne die Zeit, die für die Produktion der entsprechenden Nahrungsmittel notwendig ist. Wer sich dessen bewusst ist, der setzt sich nicht einfach hin und schlingt alles hinunter, was man ihm vorsetzt. Er geniesst mit Bedacht.

Ich finde, Essen soll ein richtiges Glücksgefühl sein.

Über Preise
Die meisten Menschen haben ein gestörtes Verhältnis zu Nahrungsmittelpreisen - weil sie die Arbeit dahinter nicht sehen. Dass zum Beispiel ein Kilo Heidelbeeren 30 Franken kostet, finden sie überrissen, also viel zu teuer - weil sie nicht wissen, dass man mindestens 75 Minuten braucht, um ein Kilo Beeren zu sammeln. Die gleichen Leute zahlen aber anstandslos 80 bis 120 Franken pro Stunde für einen Handwerker.

Über die Natur & Umwelt
Der Mensch ist Teil der Natur, nur hat er das vergessen. Er ist eigentlich genauso von den Jahreszeiten geprägt und abhängig, wie eine Pflanze oder ein Tier. Aber die meisten Menschen merken das gar nicht mehr, sie leben total neben den Schuhen. Zum Beispiel das Produktangebot: Weil nahezu alles jederzeit verfügbar ist, spüren viele Menschen nicht, was für den Moment gerade das richtige wäre und von der Natur bereitgestellt ist - zum Beispiel im Frühling alles was entschlackt, wie Spargeln, die das Wassersystem durchspülen, oder Bärlauch, der früher im Volksmund auch als "Chemifäger" bezeichnet wurde.